Unfall mit Personenschaden

Ein frostiger Februarmorgen, der Himmel im Osten färbt sich gerade türkis. 6:40 Uhr. Sie ist auf dem Weg zur Bahn und denkt an ihre Kollegin, der sie – weil im Urlaub – gleich eine Mail zum Geburtstag schreiben wird.

Dann spürt sie einen Schlag gegen den Kopf. „Meine Brille!“ ist ihr einziger Gedanke, die ist nämlich erst ein halbes Jahr alt. Ein Aufprall auf Händen und Unterarmen. Als nächstes sitzt sie an ihre Tasche geklammert auf dem gefrorenen Bordstein und sieht nichts. Hinter sich hört sie eine professionell klingende Stimme „…Verkehrsunfall mit Personenschaden, …Weg, Kreuzung Abfahrt Schnellstraße.“ Es dauert bis ihr klar wird: Sie ist der „Personenschaden“. Der schwarze Vorhang vor ihren Augen verschwindet. Auf der gegenüberliegenden Straßenseite hält ein dunkler Kombi. Ein leichenblasser Mann steigt aus und wankt auf sie zu. „Was war das denn?“ sagt sie laut. „Ich habe Sie nicht gesehen.“ flüstert der Mann und stellt sich neben sie. Hinter ihr steht der Mann mit der Stimme. Sie friert auf dem kalten Boden, steht auf und fällt sofort wieder hin. Ein kleines Auto stoppt, die Fahrerin springt heraus „Ich bin Krankenschwester.“ Sie rät ihr sitzenzubleiben, fragt sie, ob sie friert. „Ja.“ Der blasse Mann stolpert zu seinem Auto und holt etwas Glitzerndes, darauf soll sie sich setzen. Martinshorn in der Ferne. „Der Rettungswagen kommt.“ Die Krankenschwester vergewissert sich, dass sie nichts weiter tun kann und fährt ab. Die Sirene kommt näher, man sieht schon das blaue Licht. Der Mann mit der Stimme sagt, dass er nun auch losmüsse.

Der Rettungswagen ist da, die Helfer wirken erleichtert. „Können Sie laufen?“, schon helfen sie ihr hoch, sie hinkt mit etwas Hilfe zum Auto und klettert irgendwie hinein. Sie stecken ihr ein Ding an die Fingerspitze, Blutdruck 190:150, Notaufnahme… Krankenhaus. Einer der Helfer gibt ihr ihre Uhr, die unbemerkt heruntergefallen war. Erst jetzt versteht sie, dass sie nicht einfach aufstehen und ihren Weg zur Arbeit fortsetzen wird. Versichertenkarte, Fragen. Dann ist auch die Polizei da. Ausweis… mehr Fragen.

Wenig später liegt sie auf einer Trage im Flur der Notaufnahme. Sie hat ein Armband mit Name und Strichcode um. Vor ihr eine weitere Trage mit einer Frau, die unentwegt jammert. Auf der anderen Seite steigt ein junger Mann von seiner Trage und streitet lautstark mit einer Schwester. Er schimpft und geht.

Sie setzt sich auf, ihr ist warm, sie zieht Mantel und Schal aus und schiebt die Pulloverärmel hoch. Ihre Ellenbogen und der Fleck, wo sonst ihre Uhr sitzt, sind dunkelblau. Ihr linkes Knie steckt wie ein Fußball in der engen Jeans. Sie öffnet ihre Tasche und will lesen, gibt das aber völlig unkonzentriert gleich wieder auf. Sie fischt eine Tüte mit einer klebrigen rosa Masse aus der Tasche… ah, der Joghurt. Jetzt kleben auch ihre Hände, wohin damit? Sie fragt nach einer Toilette, wird hingeschoben, entsorgt die klebrige Tüte und wäscht die Hände. Man stellt sie wieder auf den Flur. Die jammernde Frau ist verschwunden.

Eine Frau kommt zu ihr und fragt, ob sie gefrühstückt hat. Sie bejaht. Die Frau fragt noch einmal. Nach der zweiten Bestätigung bringt sie ihr zwei Schmerztabletten, einen Becher Wasser und packt ihr einen großen Beutel Eis auf’s Knie. Hat hier jemand Schmerzen? Ihr ist warm, sie zittert leicht…  Schmerzen? Nö.

Inzwischen ist es spät genug, sich auf Arbeit krank zu melden und zu Hause anzurufen. Drei schwere Notfälle später wird sie untersucht und geröntgt. Noch einen schweren Notfall und einen Computerabsturz später ist das Röntgenbild ausgewertet, sie hält ein Protokoll in der Hand und wartet vor der Tür des D-Arztes. Irgendwann kommt sie dran. Der Arzt überfliegt das Protokoll. „Krankschreibung für heute reicht?“ „Nein.“ Es ist Mittwoch. Schnaufend schreibt er sie für den Rest der Woche krank.

Ihr Mann hat derweil ein Taxi herbeitelefoniert, sie sind schnell zu Hause. Dort zieht sie sich um und will einfach nur noch auf die Couch, die Ardrenalinwelle lässt nach. Morgen wird jeder Muskel in ihrem Körper wehtun, selbst beim Schlucken. Und sie weiß noch nicht, dass die in der Notaufnahme einen Bruch übersehen haben.

 

Photo by Zhen Hu on Unsplash

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2 Gedanken zu “Unfall mit Personenschaden

  1. Wenn das ein aktueller und realer Lagebericht war, lese ich nichts von einer Gehirnerschütterung, die nicht vor dem Bildschirm sitzen sollte. Kommt mir nämlich seltsam vor, wenn ein Arzt nach dieser Art Unfall meint, ein bis drei Arbeitstage Krankschreiben reicht.
    Wenn das ein älteres Ereignis aufgreift, ist es jedenfalls sehr realistisch und wirksam beschrieben, so dass ich mir nicht albern vorzukommen brauche, wenn ich vorsichtshalber Genesungswünsche und für alles Genannte und Unerwähnte deponiere.

    Gefällt 1 Person

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